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    Helene Fischer als monströser Ablenkungkatalysator

    Als ich diesen Kommentar bei den NDS über Helene Fischer gelesen habe, konnte ich es mir nicht verkneifen, meinen Senf dazu beizusteuern. Zur Abwechslung rechts mal ein unscharfes Zerrbild von ihr, damit man darüber das Selbstdenken nicht vergisst. Vorweg muß ich jedoch zugestehen, daß Kunst oder Musik natürlich Geschmackssache sind, über die man eigentlich nicht streiten sollte. Das heißt jedoch nicht, daß man Musik und ihre Interpreten nicht bewerten oder kritisieren dürfte. Denn ein paar Kriterien existieren doch, an denen man Qualität erkennen kann.

    Musikgeschmack

    Auch muß ich fairerweise einräumen, daß mein Musikgeschmack seit über 50 Jahren geprägt ist von Rockmusik & Co. sowie Folkmusik, die ich eindeutig gegen Schlager und volkstümelnde Musik abgrenzen möchte. Folkmusik und die Stilrichtung der LiedermacherInnen interpretiere ich als ein international übergreifendes Produkt. Die Ausdrucksmöglichkeiten reichen dabei von traditionell bis Rock oder innovativen Experimenten. Von der vielseitigen keltischen Musik mal ganz zu schweigen. Es kann auch deutsch sein und sogar durch regionale Dialekte (gerne auch friesisch, bayerisch, österreichisch oder schweizerisch) seinen Ausdruck finden. Jedenfalls sollte es ein zeitgemäßes Ausdrucksmittel sein, das unterschiedliche Mentalitäten und Denkweisen klug und intensiv repräsentiert. Dabei sollte die Teilhabe an Spaß, Freude und Emotionen ein wesentliches Element sein, das kaum Geld kostet.

    Alternative Musikszene

    Außerdem ist es mir ein Anliegen, eine Lanze zu brechen für die unzähligen Bands, SängerInnen, InstrumentalistenInnen und LiedermacherInnen aus der deutschen und internationalen Folkszene. Künstler, die im Radio kaum und im TV überhaupt nicht vorkommen bzw. ausgeblendet werden. Hier handelt es sich meistens um Musiker, bei denen der Kommerz keine Rolle spielt. Leute, die ihre Menschlichkeit mitsamt Seele bei ihren Auftritten mit einfließen lassen. Sie sind in der Lage, ohne riesige Technik, akkustisch, ohne Popanz, leger und ungekünstelt aufspielen zu können – eben Künstler zum Anfassen. Sie sind authentisch und lassen uns an ihren Empfindungen teilhaben. Und nicht zuletzt können sie eine musikalische Qualität aufbieten, die denen des flachen Mainstreams haushoch überlegen ist.

    Das Geheimnis der intuitiven musikalischen Kunst von unkonventionellen begabten Interpreten liegt nicht zuletzt in der Tradition der familiären Überlieferung und Ausübung von Musik in der keltischen Welt, die auf Generationen zurück geht. Das ist typisch für die Erhaltung eines intuitiven Musikverständnisses, das weitergegeben wird.

    Kunstfigur Helene Fischer

    Doch nun zurück zur Galionsfigur Helene Fischer, dem deutsch-russischen Superstar der leichten Muse sowie der weiß-ich-was-Musik. Das TV und in diesem Fall das ZDF hat ihr mit dem Musikfilm „Im Rausch der Sinne“ eine ideale Plattform geboten für ihre Selbstdarstellung, um ihren kommerziellen Erfolg in Form einer Gelddruckmaschine anzuheizen zu können. Die Fischer ist eine gestylte Kunstfigur und Fassade, an der nichts authentisch und spontan ist.

    Ihr ist das Talent einer gekonnten Entertainerin nicht abzusprechen, ihre physische Attraktivität legt sie voll in die Waagschale. Aber Unterhaltung ist ein weites Spektrum. Es reicht von Belanglosigkeit, Geschmacklosigkeit und Kitsch bis zu künstlerisch wertvollen, witzigen, intelligenten bis zu seriösen Beiträgen. Bei der Fischer-Show ist alles bis zur optischen Perfektion ausgereizt, es gibt keinen Platz für Improvisation und Kreativität. Irgendwie wirkt sie wie ein humanioder Roboter in einem weiblich-sexuellen Hochglanzkostüm, wenn sie ihr vorgefertigtes Programm abspult. Die Frau liefert eine Sinnestäuschung oder Fata Morgana in Verbindung mit einer heile-Welt-Illusion, die von ihren eher einfältigen Fans dankbar und unkritisch angenommen wird. Sie steht wie eine Monstranz und Selbstverkörperung für ein unrealistisches Menschenbild.

    Wenn sie singt:

    „Du bist die erste Deiner Art. Es zählt nicht, dass Dich jeder mag. Lass Dir nicht sagen, Du wärst schwach. Du hast es schon so weit geschafft. Du bist die erste, die es wagt. Dein Weg wird steinig und wird hart. Du gehst hinauf für die danach.“ Dann wirkt es abgeschmackt und billig wie ein Appell, die Banalitäten zur Realität zu erheben. Ob es nun beabsichtigt ist oder nur Zufall – hier wird deutlich, daß die Leistungsgesellschaft gefeiert wird. Quasi indirekt neoliberal-moralische Verhaltensweisen gefordert und beworben werden. Die Botschaften wie die Frage nach dem Zeitpunkt des Aufwachens (wovon ist die Frage) klingen irgendwie wie radikale Nachfragen der revolutionären Art, aber die teflonmäßigen Formulierungen der Liedtexte verlieren sich im Nirgendwo, im Sand und erreichen nicht den Kern.

    Funktion der Entertainment-Branche

    Figuren wie Helene Fischer sind im gesellschaftlichen und politischen Geschehen die gewünschten menschlichen Instrumentarien, die als geeignete Katalysatoren mit der Funktion der Ablenkung vom wirklich Wichtigen oder als „panem et circenses“ (Brot und Spiele) wie in der römischen Tradition eine Rolle spielen. Ich habe keine Ahnung, ob Helene Fischer sich darüber Gedanken macht und ihr ihre Funktion dabei bewußt ist. Auf jeden Fall aber ist sie ein Symbol und Medium für die Tendenz vieler Menschen zum oberflächlichen Zeitvertreib, die sich der Auseinandersetzung mit den realen Problemen des Lebens verweigern. Schein vor Sein, das ist dabei das Motto. Lieber nicht nachdenken und sich inhaltsleerem Geplätscher einer Selbstgefälligkeitsshow ausliefern. An der dekorativen Attrappe in Gestalt der Fischerin läßt es sich leicht berauschen!

    Die Fischerfrau ist sozusagen aus der Retorte geboren und durch cleveres Management zur Überfrau als Identifikationsobjekt der Massen stilisiert worden. Diese Darstellerin paßt perfekt in die Landschaft einer unreflektierten Anpassung an Corona-Zumutungen und andere politisch-autoritäre Willkürmaßnahmen, die dazu beiträgt, die existenziellen Knackpunkte zu überlagern.

    Zitate:

    „Perfekt muss es sein, perfekt wird es. Kein Ton, kein Satz, kein Foto, keine Einstellung, keine Szene – sind in der Produktion „Im Rausch der Sinne“ Zufall. Alles ist inszeniert, alles geschieht mit Kalkül – das vernehmen kritische ZDF-Zuseher. Auch in Sachen Musik und Texte. Ja, Helene Fischer ist ein Superstar – die Lieder sind formatradio-kompatibel bis zum Abwinken, ja bis zur Schmerzgrenze, die Songs sind übervoll arrangiert, dicht gepackt mit Instrumentarium (vor allem Keyboards im immer gleichen wiederkehrenden Klangcharakter) und Rhythmuselementen, die sich mal dem Disko-Sound, mal ein bisschen dem Latinostil, mal ein bisschen sich dem Tanzschritt Foxtrott annähern – kompatibel also für Massenhörgewohnheiten.“

    „Die Fans lieben Helene ja innig und weiter. Gut. Sie ersehnen die Liveauftritte in großen Hallen, Stadien gar, tatsächlich wird dann enorm aufgefahren, was die deutsche Unterhaltungsindustrie auffahren kann: Bühnentechnik, Licht, Tanzensemble, Band, Garderobe. Die Musik, um die es eigentlich geht: Text, Lied, Aussage, Botschaft, Inhalte – die bleiben hinter der gigantischen Form, der wunderschönen Fassade Helene Fischer zurück. Eine Botschaft ist indes stets von Frau Fischer zu vernehmen: Das Hamsterrad der Leistungsgesellschaft lohnt es, durchzutreten bis zum Anschlag, um von unten nach oben zu kommen.“